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"Ich bin Du, nur anders" Fotoausstellung von
Jung-Kunst Berlin 7.-23.7.2006, jeweils Di-So, 15-21 Uhr
Blauer Salon, 5.OG

Wir wollten etwas schaffen. Eine große Ausstellung aufziehen, photographieren
was das Zeug hält und zielstrebig und überzeugt gemeinsam an einem
Projekt arbeiten. Da sich unsere künstlerischen Aktivitäten bis
dahin fast ausschließlich mit Menschen befassten, hatten wir nun
vor unsere Eindrücke konkret umzusetzen. Wir wollten
Menschen in ihren Eigenarten kennen lernen, photographieren und
vorstellen, waren voller Elan und Idealismus, doch ohne Mittel.
Wir wählten deshalb ein Thema mit absoluter Höchstchance auf
Förderung. Alle Schlagwörter fielen, von denen wir dachten, das
sei genau das was man hören wollte. "Randgruppen, Integration,
Vorurteile abbauen, kulturell, religiös, sozial und sonst wie
benachteiligt." Als wir uns später den Antrag noch einmal
durchlasen, um uns konkretere Gedanken zu machen, merkten wir
erst, wie unglaublich unkonkret alles um die Schlagworte
herumformuliert war. Aber die Förderung war im Sack. Was nun? Was
machen wir jetzt? Ist das Thema nicht zu abgedroschen?
Interessiert das noch jemanden? Ist es überhaupt so? Egal!
Wir versuchten zuerst uns strikt an unsere uns selbst auferlegten
Vorgaben zu halten, doch dann kam das Dilemma. Wer bin ich
eigentlich? Gute Frage. Und wer seid ihr? Bin ich anders? In wie
fern eigentlich? Diese Fragen stellten wir uns auf einer Irrfahrt
durch Berlin. Wir bewegten uns auf dem schmalen Pfad der eigenen
Vorurteile, hinein in eine Welt in der doch eigentlich alle gleich
sind. Vorurteile abbauen zieht gut. Aber was sind denn nun
unsere Vorurteile? Ist das nicht so was wie unsere persönliche
Wahrscheinlichkeitsrechnung, die auf Grund gewisser Erfahrungen
Urteile statistisch fällt? Statistik kann jedoch alles be- und
widerlegen. So ein Quatsch also. Worum geht es denn eigentlich? Um
Ausgrenzung, Andersartigkeit, um Randgruppen, am Rande der
Gesellschaft. Ist das nicht zu flach gedacht? Was sind denn
Randgruppen? Schwule, Juden und Zigeuner, Arbeitslose und
Behinderte? Oder einfach Personen mit Migrationshintergrund?
Gehören wohlhabende Migranten auch zu einer Randgruppe? Müssen wir
das auch so sehen? Dann müssten wir ja erst Menschen in Schubladen
stecken, nur um sie dann wieder dort raus zu holen. Wir hatten
bald das Gefühl, wir müssten uns auf die Suche nach einem
behinderten, homosexuellen, arbeitlosen Schwarzafrikaner jüdischer
Abstammung mit Migrationshintergrund machen. Ist das noch
politically correct? Und was ist, wenn eine solche Person
existiert und uns dann sagt: "Ich fühle mich gar nicht
benachteiligt." Welcher Weg führt uns aus diesem Dilemma,
Klischees künstlich zu erschaffen? Wenn man Menschen
photographieren möchte, die zu Randgruppen gehören, muss man zu
irgendjemandem sagen, "Okay, du bist der absolute Repräsentant der
Randgruppe, in der du dich befindest." So ähnlich ist es dann auch
gekommen. Als sich in der Praxis dieses Gefühl einstellte,
wussten wir, irgendetwas ist hier faul und wir müssten ganz anders
rangehen. Wir waren hin und her gerissen von Euphorie und der
möglichen kompletten Sinnlosigkeit des Projekts. Heftige
kontroverse Diskussionen über den Inhalt und die Herangehensweise
an das Projekt waren das Ergebnis. Dabei stellten wir fest,
dass es in erster Linie darum geht sich offen, ehrlich und bewusst
auf Menschen einzulassen, die man zuvor lediglich wahrgenommen
hatte. Insbesondere auf Leute, die einem sonst vom ersten Eindruck
her eher suspekt erschienen. Nur zu leicht rückt man andere in ein
schlechtes Licht, um sich nicht selbst die Blöße geben zu müssen.
Dieser Reiz, des sich selbst überwinden Müssens und Wollens wurde zum
eigentlichen Ziel des Projektes und ist die Botschaft, die die
Bilder in sich tragen sollen. Durch die sich grundlegend
ändernde Herangehensweise verselbstständigte sich das Projekt. Wir
bewegten uns plötzlich in einem viel weiteren, freieren Rahmen,
ohne Schubläden oder künstlich aufgebauten Vorurteilen.
Wir zogen monatelang mit unseren alten Kameras durch die Stadt und trafen
dabei auf Menschen, die uns auf ungewohnte Weise faszinierten.
Manchmal hatten wir das Gefühl, die Welt sei zu vielfältig als
dass ein einzelner sie verarbeiten könne. Diese Vielfalt stellt
jedoch für uns eine enorme Bereicherung dar, sofern wir uns nicht
vor ihr verschließen. Uns wurde klar, dass die Fördermittel
erstrangig für Projekte mit Bezug auf Toleranz vergeben werden.
Jedoch ist Toleranz erst der erste Schritt, denn von Toleranz über
Akzeptanz bis hin zur Neugier und gar der Liebe zur Vielfalt ist
es noch ein sehr weiter Weg. Das Ergebnis unserer Arbeit ist eine
Auswahl von über dreißig schwarz-weiß-Photographien, die uns
Menschen auf ungewohnte Art und Weise näher bringt und denen ein
gewisser Humor nicht abzusprechen ist. "Ich bin Du, nur anders"
ist der Leitgedanke, den die abgebildeten Personen selbstbewusst
auszustrahlen scheinen und der alle Bilder verbindet. Vom Pförtner
des Bundesrates, über den Berliner Bär, der eigentlich gar nicht
aus Berlin kommt und der strahlenden jungen Frau, die tatsächlich
ein Mann ist, bis hin zu feiernden Obdachlosen am Bahnhof Zoo
zeigen diese Bilder Menschen, denen man jeden Tag selbst begegnen
kann. Nicht zuletzt durch die Förderung ist es uns möglich vom
7. bis zum 23. Juli 2006 im Blauen Salon des Tacheles in Berlin
die großformatigen Drucke von 1,3 Quadratmetern Bildfläche
auszustellen. Ein Katalog wird die Ausstellung begleiten und alle
abgebildeten Personen werden zur Vernissage geladen, um bei
musikalischer Untermalung von "12morgen" einen Raum für Begegnung
zu schaffen. Darüber hinaus werden die Bilder in der White-Box im
Kunst-Park München im September 2006 zu sehen sein.
Benjamin Rennicke & Simon Bürgel 030-23184778 bzw. 0173-6011538
ichbindunuranders@gmx.de
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Benjamin Rennicke
1981 in Ostberlin geboren, wurde
ich von meinen Eltern als Sechszehnjähriger, auf Grund meiner sich
trotz regelmäßiger Schulwechsel stetig verschlechternden
Leistungen von der Schule genommenen. Auslöser hierfür war, dass
zwei Fächer in der elften Klasse auf Grund des
Nervenzusammenbruchs einer Lehrerin und des Auslandaufenthalts
einer anderen praktisch nicht gelehrt werden konnten. In einem
dritten gingen alle regelmäßig Eis essen. Daraufhin
wurde ich 1998 von meinen Eltern Gisela Rennicke (Pharmazeutin)
und Andreas Horn (Hydrogeologe) allein und ohne Bezugsperson nach
Namibia geschickt um selbständig zu werden. In den folgenden drei
Jahren absolvierte ich dort die Englischsprachige
Universitäts-Zulassung sowie das deutsche Abitur. Darüber
hinaus engagiere ich mich seitdem über Jahre als ehrenamtlicher
Entwicklungshelfer im dortigen Kaokoland, wodurch auch eine
herausragende Ausstellung über das ansässige Nomadenvolk der
Ovahimba als Ergebnis meines sich stetig weiter entwickelnden
Dranges nach Vermittlung entstand. Gerade als Fremder lernte ich
dort mich selbst erst kennen. Nach dem Abitur 2001 verging keine
Woche, bis ich zurück in Berlin an der Humboldt-Universität
Ägyptologie und klassische Archäologie studierte, wo mein Vater
solange stellvertretend für mich die Vorlesungen mitschrieb, da
sich beides überschnitten hatte. Zuerst wollte ich Kunst
studieren, änderte jedoch nach dem Besuch der Kunst-Universitäten
am Tag der offenen Tür mit Tränen in den Augen meine Meinung.
Aus Angst mein künstlerisches Talent und meine Leidenschaft könnten in
ungewollte Bahnen abdriften beschloss ich diese ohne entsprechende
Ausbildung weiter zu verfolgen. Seitdem photographiere ich
autodidaktisch neben dem Studium für Bild- und Modelagenturen
sowie Bands und veranstalte regelmäßig Ausstellungen.
www.benjaminrennicke.de


Simon Bürgel
Am 28.05.1983 in Westberlin als Kind einer allein
erziehenden Mutter geboren, hatte ich ein sehr bewegtes Leben, so
dass ich bis zu meinem 18. Lebensjahr zehn verschiedenen Schulen
besucht hatte und in vier Gastfamilien groß geworden bin.
Da ich mich durch meine vielen Lebenswandel stark in mich gekehrt
habe, nutzte ich die Malerei zur Reflektion meiner Gefühle. Nach
meinem Realschulabschluss leistete ich meinen Wehrdienst bei der
Marine. 2003 bin ich, diesmal allein, zurück nach Berlin
gezogen. Hier habe ich 2004 mit einem Jugendprojekt zusammen
gearbeitet, das es sich zum Ziel gesetzt hat, eine künstlerische
Subkultur zu schaffen. Jedoch konnte ich trotz der
überdimensionalen Förderung des Projekts, wegen fehlender
Motivation seitens der Projektorganisation meine Vorstellungen
dort nicht umsetzen. Dennoch hat mich die Grundidee zur Gründung
des Kunst- und Kulturnetzwerks "Kunstorgan" bewegt. Seit 2005
erarbeite ich meinen Lebensunterhalt freiberuflich in den
Bereichen Malerei, Fotografie und Design. Eines Tages fiel mir
auf einer Feier ein Bild auf, welches mich in dem Maße fasziniert
hat, dass ich mit dem Maler dieses Bildes zusammenarbeiten wollte.
So traf ich Benjamin Rennicke. Da auch er Interesse an einer
Zusammenarbeit zeigte, gründete ich kurz darauf eine WG im selben
Haus um räumliche Nähe zu schaffen.
www.kunststoff.cc
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